Über Zebrastreifen und versteckte Zeichen.
Eigentlich war es ja meine ursprüngliche Intention gewesen, ein, wie ich es nennen wollte, „popmusikalisches ABCarium“ zu verfassen, also „Anmerkungen zur Popkultur“ in 26 Kapiteln in alphabetischer Reihenfolge. Dass daraus nichts geworden ist, hat seine Gründe, aber im Sinne dieser anfänglichen Absicht steht jetzt hier nach dem sich als Ende dieses kleinen Kompendiums mit Essays als Schlusspunkt irgendwo logisch aufdrängenden Text über „das letzte Lied“, also über den Song, der zu meinem Begräbnis gespielt werden soll, auch noch einer über den berühmtesten Zebrastreifen der Welt, um diesem Buch auf diese Weise eine Art von Klammer zu geben, das Thema „Arschlöcher“ am Anfang, der Zebrastreifen am Ende. Es ist – Sie werden es, verehrte Leserin, verehrter Leser – schon vermutet haben, jener im Londoner Stadtteil Westminster in der Abbey Road 3, Ecke Grove End Road, der seit Dezember 2010 unter Denkmalschutz steht und den man über eine Webcam weltweit ebenso sehen kann wie all die London-Touristen, die ihn besuchen, diesen überqueren und sich dabei fotografieren lassen, der Autor dieser Zeilen eingeschlossen.
Aber wie war es überhaupt zu dem berühmten Foto auf dem Cover des letzten Albums gekommen, das die Beatles gemeinsam aufgenommen haben, ihrem elften, dem danach nur noch „Let It Be“ folgte, das zwar vorher eingespielt, aber erst im Mai 1970, einen Monat nach der offiziellen Auflösung der Band, veröffentlicht wurde? Paul McCartney hatte die Idee gehabt, die Platte „Everest“ zu nennen, für ein Fotoshooting sollte die Gruppe, die längst zerstritten war und kurz vor ihrer Auflösung stand, in das Himalaya-Gebiet reisen, eine Idee, die möglichweise damit zu tun hatte, dass solch ein gemeinsamer Trip nach Fernost sie wieder zusammenschweißen könnte. Dabei war der geplante und schließlich verworfene Titel nur eine Anspielung auf die Zigarettenmarke „Everest“ des Toningenieurs Geoff Emerick gewesen. Weil keiner seiner Kollegen sich für die erste Idee erwärmen konnte, hatte McCartney eine weitere. Sie sollten einfach raus aus dem Studio gehen und dort fotografiert werden, während sie über den Zebrastreifen liefen. Genau das passiert dann am 8. August 1969, um 11h30 Greenwich Time steht der Fotograf Iain McMillan mit einer Leiter und seiner Hasselblad-Kamera vor dem Zebrastreifen bei den Abbey-Road-Studios, ein Polizist hält den Verkehr auf. Einen Tag, nach dem dieses Foto, das zu den berühmtesten der Rockgeschichte gehört, fast wie zufällig entstand, ermordete die Manson-Family Roman Polanskis Frau Sharon Tate, eine Woche später begann das Woodstock-Festival, das zugleich Höhepunkt und Ende der Ära ist. Organisator Michael Lang hatte dafür auch die Beatles angefragt, allerdings vergeblich. Zwölf Tage später wird die berühmteste Band der Welt zum letzten Mal gemeinsam im Studio stehen.
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Dieser Text erscheint im Mai 2024 in Wolfgang Pollanz‘ Buch „Von Arschlöchern, weißen Fahrrädern, Scheißfilmen und Zebrastreifen. Anmerkungen zur Pop-Kultur“, dem Band 10 der Reihe „Pop! Goes the Pumpkin“ der Edition Kürbis. Weitere Infos auf www.kuerbis.at.
Das Buch ist mittlerweile erschienen und kann hier erworben werden.