In die Vollen
Die fiktive Biographie des Thomas A. J. Ratia langt in die Vollen. Zudem scheint es gegenwärtig unter jungen Germanisten modisch zu sein, fiktive Spielchen mit dem eigenen Namen zu inszenieren (siehe dazu auch die Rezension zu Gerald Linds Zerstörung in diesem Heft). Wo Lind aber den komplett hypertrophen Weg einschlägt und sein gleichnamiges Alter Ego zum umstrittenen Bestseller-Autor stilisiert, schließt Thomas Antonic seinen Namen „lediglich“ mit dem seines Ko-Autors Janne Ratia kurz und schon erblickt Thomas A. J. Ratia (fürderhin TAJR) als Titelheld die Welt. TAJR ist das, was als Stereotyp des Rockstars gelten darf: anmaßend, arrogant, genialisch intelligent und gleichzeitig hochgradig soziopathisch, unverschämt egomanisch, innerlich aber verletzlich und unverstanden (zumindest sieht er sich selbst so und Larmoyanz ob der Unverstandenheit durch die Welt oder wahlweise des Unverständnisses der Welt gehört vielfach zum Selbstbild verletzlicher Künstlerseelen). Diese Klischeeliste kann beliebig weitergeführt werden. Und gesamt gesehen gereicht das dem Buch nicht zum Vorteil. Denn gerade dieses Abarbeiten wohl tradierter Klischees des rockenden weißen Mannes inklusiver verwüsteter Hotelzimmer, Alkohol in, ja genau, rauen Mengen, Rückzug aus der Öffentlichkeit, um den eigenen Mythos zu multiplizieren, abgefackelte Konzertbühnen und Journalisten als natürliche Feinde, sind in so zahlreichen Künstlerbiographien und Erzählungen vorhanden, dass man sie schon gar nicht mehr hören kann. Warum also sollte man sie dann auch noch lesen wollen, vor allem, wenn sich dahinter nicht mal eine echte Person verbirgt, die zumindest als Projektionsfläche für jugendliche Bedürfnisse herhalten könnte? So ist das unmögliche Leben des TAJR, partiell niedergeschrieben aus der Sicht eines glücklichen, weil er den Künstler dann doch treffen darf, zugleich ungemein unbedarften Musikjournalisten nichts weiter als eine weitere Biographie in der Geschichte des Rock’n‘Roll. Das Buch ist zusätzlich mit einem Soundtrack in MP3-Format ausgestattet. Wie eingangs erwähnt: Das Buch langt in die Vollen und greift dann doch ziemlich oft daneben.