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Heft 27

Erschienen in Heft 27, zweifelhaft
Ressort: Rezensionen

Christoph Dolgan:
Ballastexistenz

rezensiert von Werner Schandor

In dubio contra

Christoph Dolgan hat ein großartiges Buch geschrieben und möchte das nicht überbewerten

Im Herbst werde sein erstes Buch erscheinen, sagte Christoph Dolgan, als wir uns vor knapp einem Jahr getroffen haben. Nachsatz des Jungmeisters selbstzweifelnden Understatements: Er sei aber nicht völlig zufrieden damit. Von wegen! – Ballastexistenz, im Herbst 2013 im Literaturverlag Droschl erschienen, ist ein grandioses Debüt. Es erzählt aus der Perspektive eines Heranwachsenden vom Elend des Alkoholismus, der nicht nur die Alkoholkranken, sondern auch ihr Umfeld erfasst. In Dolgans Buch ist es eine Säufer-Mutter, die sich und ihren Sohn in den Abgrund zieht.

„Der Weg zur Toilette wird immer länger. Nachts ist er ihr kaum noch möglich. Sie schläft am Küchentisch ein, und ihr Kopf fällt vornüber auf die rot-weiß-karierte Plastiktischdecke, die unzählige Zigarettenbrandlöcher hat. […] So kotzt sie gleich im Schlafen, und das Erbrochene liegt feinsäuberlich vor ihrem Mund auf der Tischdecke.“

In Österreich gelten 350.000 Meschen als alkoholkrank im pathologischen Sinn. Dolgan beschreibt aus dem Gefühl der Beklemmung heraus, das sich in das Kind der Säuferin frisst, eine mögliche Biografie eines dieser Menschen. Die Mutter des Protagonisten ist Kassiererin in einem Supermarkt in der „Langfeldsiedlung“ irgendwo in Österreich; nach getaner Arbeit trifft sie sich mit Freundinnen im Tankstellentschecherl und säuft Wodka bis zur Besinnungslosigkeit.

„Die Leute in der Langfeldsiedlung kennen Mutter: Sie ist ein Begriff, selbst noch unter denen, die ein Begriff sind. […] Die Leute rufen mich an, wenn sie sie irgendwo herumliegen sehen. Oft ist es auch nur eine SMS, die ich bekomme. Eine Ortsangabe, ohne Kommentar.“ Die Schilderungen des körperlichen und psychischen Verfalls der Mutter ziehen sich als roter Faden durch die erste Hälfte des Buches und konfrontieren den Leser in distanzierten Schilderungen direkt mit der Orientierungslosigkeit und emotionalen Überforderung des Kindes. Er sei ihre Ballastexistenz, wirft die Mutter dem Jungen einmal vor. Der wiederum lagert seinen längst versiegten Schmerz aus, indem er sich verletzt – beispielsweise das Glas von Glühbirnen zerkaut –, bevor er später, im zweiten Teil des Buches, in die Mühlen der Kinder- und Jugendpsychiatrie gerät.
Christoph Dolgan, Jahrgang 1979, hat an der Universität Graz Germanistik studiert und über die „Poesie des Begehrens“ bei Leopold von Sacher-Masoch dissertiert. Vielleicht ist er deshalb mit psychischen Abgründen so vertraut. Und vielleicht ist daher auch der Stil seines Debüts so makellos. Das Raffinierte daran: Das Buch gibt die Beklemmungen, die die Kinderseele erfüllen, durch Distanz wieder. In den Text mischen sich Beobachtungen, Assoziationen und Bilder, die am Ende die emotionale Ausweglosigkeit des Jungen auf den Punkt bringen und – ohne dass sich der Autor in Betroffenheitsprosa suhlen würde – betroffen machen.

Wieder wiegelt der Autor ab, diesmal in einer E-Mail: „ich würde jetzt natürlich gerne sagen, dass das eine ausgeklügelte, narrative strategie war (naja, ein bisserl gewollt war es schon), aber im großen und ganzen befürchte ich, ist das einfach eine folgeerscheinung meiner weltwahrnehmung, die meistens auf (dingliche) details ausgerichtet ist – und die figuren sind dann induktive djangos, die ausgehend davon welterklärungs-hüftschüsse abgeben …“ – Oder, wie es im Auftakt zur Ballastexistenz heißt: „Erst der Rahmen, sagst du, mache aus dem Menschen einen Gefangenen. (Du möchtest beiläufig klingen und selbstverständlich, aber alles, was du sagst, ist Ausnahmezustand.)“

Rezensionen

Buch

Stefan Schmitzer:
loop garou – invokationen

2024: Ritter, S. 96
rezensiert von Sophie Reyer

Differenzwiederholungen vom Feinsten „loop garou – invokationen“ – diesen Titel trägt Stefan Schmitzers neuer Lyrikband – und jenes besondere Wortspiel zu Beginn, das einerseits auf den französischen Werwolf („loup garou“),

Buch

Priya Guns:
Dein Taxi ist da

2023: Blumenbar, S. 329
rezensiert von Lisa Höllebauer

Rezension: Eine Taxifahrt durch Welten Wie der Titel bereits ankündigt, erwarten Sie hier bestimmt eine klassische Rezension – und ich verspreche, die kommt auch noch – aber einleitend muss ich

Buch

Kulturinitiative Kürbis Wies (Hg.):
Der Mann, der sich weigert, die Badewanne zu verlassen

2022: Edition Kürbis, S.
rezensiert von Hermann Götz

Der Geist von Wolfgang Bauer … … zu Gast in der schreibkraft-Redaktion. Mit einem Open Call for Minidramen hat die Edition Kürbis einen Coup gelandet: Über 160 Einreichungen zelebrierten vor

Buch

Günther Kaip:
Rückwärts schweigt die Nacht

2022: Klever, S. 140
rezensiert von Stefan Schmitzer

Vergessen, surreal erinnert Günther Kaip verdichtet Lyrik, Prosa und Zeichnungen zu einem traumhaften Ganzen. „Rückwärts schweigt die Nacht“ – der Titel verräumlicht gewissermaßen, was beim Vergessen mit der gelebten Zeit

Buch

Sabine Haupt:
Die Zukunft der Toten

2022: die brotsuppe, S. 216
rezensiert von Hermann Götz

Dreizehn Sabine Haupts Erzählband „Die Zukunft der Toten“ macht Stippvisite auf der dunklen Seite des Mondes. „Jemand musste ihn verraten haben, oder verleumdet, vielleicht auch nur verwechselt.“ Kommt Ihnen bekannt

Buch

Sarah Kuratle:
Greta und Jannis

2021: Otto Müller, S. 232
rezensiert von Hermann Götz

Vom Anfang oder Ende der Zeit Sarah Kuratles märchenhaft dichter Roman Greta und Jannis. Sarah Kuratle hat ein Märchen geschrieben. Oder nein: einen Roman. Einen ganz und gar märchenhaften. Die

Buch

Markus Köhle:
Zurück in die Herkunft

2021: Sonderzahl, S. 208
rezensiert von Hermann Götz

Best of Poetry Markus Köhle wird in Zurück in die Herkunft zum Plagiatsjäger seiner selbst. Ok, über Slam-Poetry bedarf es hier keiner großen Worte. Dass Poesie als performative Kunst gelebt

Buch

Wolfgang Pollanz:
Wie ein Rabe. 66 Song- Stories.

2021: TEXT/RAHMEN, S. 228
rezensiert von Hermann Götz

Paperback Writer Der Song als Story oder was passiert, wenn Wolfgang Pollanz Bob Dylan & Co in Prosa übersetzt. Weltberühmt in der Steiermark ist wahrscheinlich eine zweifelhafte Einordnung. Auf Wolfgang

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