It’s only Rock’n’Roll
Das wundersame Leben als Rockmusiker
Als Laie stellt man sich das Leben als Rockmusiker oft als die ins Extrem getriebene Form der Freizeitgestaltung vor. Lang schlafen, dazwischen ein wenig Zeit an Klavier oder Gitarre verbringen, kurze Aufmerksamkeitsspannen und zum Friseur muss man auch nur alle halben Jahre mal. Rockmusiker sind die Professionalisten der Freizeitgestaltung. Aber denkste. Wer sich schon mal mit den Terminplänen und den Flugzeiten von Musikern auf Tournee beschäftigt hat, wer sich auch nur ein klein wenig für das Thema wegbrechende Musikindustrie interessiert, der versteht, dass nicht alles ein Hit ist, was gut klingt. Bret Anderson, Sänger der Britpop-Band Suede, meinte mal, dass das Abarbeiten von Medienterminen, Fotoshootings und das mürbende Warten auf den Flughäfen dieser Welt die Schattenseite des Musikerdaseins seien. Es sei hinzugefügt, dass das Motschgern auf hohem Niveau ist und Anderson fügte auch hinzu, dass er das eben Genannte gleichzeitig für lächerliche Gründe halte, Beschwerde zu führen angesichts des Umstandes, als Künstler genau das machen zu können, was er in erster Linie machen möchte, und das sei eben Musik.
Boris Bukowski musste zumindest nicht so viel Zeit auf Flughäfen verbringen wie Anderson, dafür war bzw. ist seine Karriere geografisch betrachtet zu beschränkt verlaufen. Als deutschsprachig intonierender Österreicher hatte er ungleich geringere Wirkmächtigkeit in das anderssprachige Europa als sein britischer Kollege. Bukowski hat sich angesichts der Möglichkeiten, Karriere als langhaariger Anwalt oder als akademisch geadelter Rockstar zu machen, für Zweiteres entschieden und konnte in Österreichs Hitparade Nummer-1-Hits verbuchen, die Titel trugen wie Fandango oder Trag meine Liebe wie einen Mantel. Textlich waren die endreimorientierten Lyrics manchmal etwas holprig, inhaltlich aber immer wieder interessant und für deutschsprachige Songtexte unübliche Thematiken verhandelnd. Psychiatrie war da ebenso Thema wie die Gleichberechtigung zwischen Mann und Frau lange bevor Andreas Gabalier seinen Senf zur gegenderten österreichischen Hymne abgab. Mit Unter bunten Hunden liegen nun anekdotenhafte Rückblicke des Künstlers auf eine Zeitspanne vor, in der Österreichs Musiklandschaft anfänglich durchaus als Brachland bezeichnet werden kann bis hin zur Gegenwartsnähe. Bukowski beschreibt in mal mehr, mal weniger launigen Kurztexten gemäßigte Ausschweifungen, Begegnungen mit internationalen Studiomusikern, er schreibt über an Klowänden hängende Promotionsurkunden und Politiker, berichtet von Treffen mit Botschaftern und fragwürdigen Toastsprüchen. Die kurzen Anekdoten geben einen Einblick in das turbulente Leben auf Tour, die Hoffnungen, außerhalb Österreichs musikalisch Fuß fassen zu können, erzählen von gescheiterten Plattenverträgen und dem Stolz, mit diversen Größen der Musik zusammengearbeit zu haben. Bukowski hat einen gesund-distanzierten Blick auf das eigene Tun und die Zeit; überbewertet oder stilisiert wird hier nichts, Selbstbeweihräucherung liegt dem Autor fern. Ein konsequenteres Lektorat hätte dem Buch allerdings gut getan, manche Passagen sind sehr salopp formuliert oder Gedächtnisprotokolle zurückliegender Dialoge oder Gespräche. Da wäre etwas Formgebung mitunter wünschenswert gewesen. Heiter ist das Werk allemal. Wer sich für österreichische Musikgeschichte interessiert und die das Indie-Universum prägenden elitären Scheuklappen ablegt, kann hier das eine oder andere sympathische Kleinod finden.