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Heft 27

Erschienen in Heft 27, zweifelhaft
Ressort: Rezensionen

Bart Moeyaert:
Graz. Novelle

rezensiert von Hannes Luxbacher

Grazer Spaziergänge

Bart Moeyaert führt seine Hauptfigur auf den Weg zu sich selbst

Graz, das ist die Menschenrechtestadt mit Punks, die von überall vertrieben werden, und mit Bettlern, denen das Betteln verboten wird (bis der OGH eingreift), Graz ist City of Design mit Plätzen im Stadtzentrum wie dem Andreas-Hofer-Platz, an dem städtebauliches Design seit Jahrzehnten versagt, Graz hat keine U-Bahn und ein völlig überholtes Straßenbahnnetz, diskutiert dafür jeden Sommer eine Seilbahn entlang der Mur, Graz ist Österreichs zweitgrößte Stadt und fühlt sich an wie ein Dorf. Was kein Wunder ist, denn nach Graz kamen dereinst Vertreter des kaiserlichen Hofstaats, um hier ihre Pension zu verbringen, da musste es schon beschaulich bleiben. Graz ist für Einheimische oftmals drückend, Touristen sagen lieblich dazu. Geschützte Dächerlandschaft, Weltkulturerbe, der Schlossberg und andere Dinge, die dem Freizeitmenschen gut gefallen. Der Belgier Bart Moeyaert hat seinen ersten Roman für Erwachsene – als Kinderbuchautor ist er international etabliert – nun genau in diesem Graz angesiedelt. Genauer noch in der Maiffredygasse, dort, wo diese in die Leonhardstraße mündet. Und die Apotheke, die in der Novelle als Wohn- und Berufsort des Protagonisten dient, gab es tatsächlich bis vor Kurzem auch genau dort. Dennoch handelt es sich hier nicht um so etwas wie einen Schlüsselroman oder um eine Provinzposse. In keinster Weise. Es ist vielmehr ein retardiertes Coming-of-Age-Szenario, das Moeyaert in Graz verhandelt. Hermann Eichler führt besagte Apotheke, er hat sie von seinen Eltern übernommen. Er ist, was sein Vater schon war: der perfekte Berater für Wehwehchen aller Art. Berater sein für andere, das kann er gut. Aber kommt es zu Fragen, die ihn selbst betreffen, beginnt das Scheitern und beginnen die blinden Flecke sichtbar zu werden – jedenfalls für die Leserschaft. Über dem Leben des Hermann Eichler schwebt der Vater als autoritäre Instanz, obschon dieser bereits verstorben ist. Der Vater und seine Entscheidungsmacht, der Vater und seine Verfügungsgewalt, das sind die Begleiter des Hermann Eichler, der auf seinen Spaziergängen durch die Grazer Innenstadt sich selbst immer näher kommt.

„Er [der Vater] würde mit einem schiefen Rücken bis über meinen Kopf wachsen und über mir hängen und mich rügen, weil ich mit den Füßen schleifte und einen eigenen Willen hatte.“ Sätze dieser Art gibt es in Graz einige, und der Freigang wird erst durch einen vom Vaterkomplex völlig unabhängigen Vorfall in Bewegung gesetzt. Als vor Eichlers Tür eine Radfahrerin mit dem Vorderrad in die Geleise gerät und zu Sturz kommt, beginnen die Fragen im Kopf zu kreisen. Wer ist das Mädchen, dessen Brieftasche Eichler aufliest, wie entkommt man der wiedergängerischen Autorität des Vaters, was will ich vom eigenen Leben und was genau ist Sexualität? Die Zufallsbekanntschaft Carla beschleunigt Eichlers Denkprozesse. Und sie stößt ihn vorwärts, fordert ihn heraus, obschon es weder ihr noch ihm um eine Beziehung zum anderen geht, obschon es beiden aber um Beziehung als generelles Thema geht. Eichler, der sich nicht vom Vater befreien kann, entdeckt dann eines Tages seine Homosexualität, bzw. lässt sie zu. Im Stadtpark, mit einem Fremden, der ihn lockt und verführt und der ihn, nach vollendetem Oralsex, beschimpfend und fluchend verlässt. So nah sei er noch nie einer Beziehung gewesen, offenbart er abends Carla, ohne ihr Details zu nennen. Dass dieser schnelle Sex mit kritischem Abgang der Hauptfigur als Beziehungsvariante überhaupt in den Sinn kommt, zeugt noch einmal von der vernichtenden Kraft, die über ihr thront. Die sachlich klare Sprache Moeyaerts, die präzisen Wegbeschreibungen, denen man als in Graz Lebender bildhaft folgen kann, und die erinnernde Analytik der Hauptfigur machen aus Graz ein Werk, das einen hoffen lässt, dass Graz nicht die erste und gleichzeitig letzte Veröffentlichung des Autors für die Erwachsenenwelt ist.

Rezensionen

Buch

Stefan Schmitzer:
loop garou – invokationen

2024: Ritter, S. 96
rezensiert von Sophie Reyer

Differenzwiederholungen vom Feinsten „loop garou – invokationen“ – diesen Titel trägt Stefan Schmitzers neuer Lyrikband – und jenes besondere Wortspiel zu Beginn, das einerseits auf den französischen Werwolf („loup garou“),

Buch

Priya Guns:
Dein Taxi ist da

2023: Blumenbar, S. 329
rezensiert von Lisa Höllebauer

Rezension: Eine Taxifahrt durch Welten Wie der Titel bereits ankündigt, erwarten Sie hier bestimmt eine klassische Rezension – und ich verspreche, die kommt auch noch – aber einleitend muss ich

Buch

Kulturinitiative Kürbis Wies (Hg.):
Der Mann, der sich weigert, die Badewanne zu verlassen

2022: Edition Kürbis, S.
rezensiert von Hermann Götz

Der Geist von Wolfgang Bauer … … zu Gast in der schreibkraft-Redaktion. Mit einem Open Call for Minidramen hat die Edition Kürbis einen Coup gelandet: Über 160 Einreichungen zelebrierten vor

Buch

Günther Kaip:
Rückwärts schweigt die Nacht

2022: Klever, S. 140
rezensiert von Stefan Schmitzer

Vergessen, surreal erinnert Günther Kaip verdichtet Lyrik, Prosa und Zeichnungen zu einem traumhaften Ganzen. „Rückwärts schweigt die Nacht“ – der Titel verräumlicht gewissermaßen, was beim Vergessen mit der gelebten Zeit

Buch

Sabine Haupt:
Die Zukunft der Toten

2022: die brotsuppe, S. 216
rezensiert von Hermann Götz

Dreizehn Sabine Haupts Erzählband „Die Zukunft der Toten“ macht Stippvisite auf der dunklen Seite des Mondes. „Jemand musste ihn verraten haben, oder verleumdet, vielleicht auch nur verwechselt.“ Kommt Ihnen bekannt

Buch

Sarah Kuratle:
Greta und Jannis

2021: Otto Müller, S. 232
rezensiert von Hermann Götz

Vom Anfang oder Ende der Zeit Sarah Kuratles märchenhaft dichter Roman Greta und Jannis. Sarah Kuratle hat ein Märchen geschrieben. Oder nein: einen Roman. Einen ganz und gar märchenhaften. Die

Buch

Markus Köhle:
Zurück in die Herkunft

2021: Sonderzahl, S. 208
rezensiert von Hermann Götz

Best of Poetry Markus Köhle wird in Zurück in die Herkunft zum Plagiatsjäger seiner selbst. Ok, über Slam-Poetry bedarf es hier keiner großen Worte. Dass Poesie als performative Kunst gelebt

Buch

Wolfgang Pollanz:
Wie ein Rabe. 66 Song- Stories.

2021: TEXT/RAHMEN, S. 228
rezensiert von Hermann Götz

Paperback Writer Der Song als Story oder was passiert, wenn Wolfgang Pollanz Bob Dylan & Co in Prosa übersetzt. Weltberühmt in der Steiermark ist wahrscheinlich eine zweifelhafte Einordnung. Auf Wolfgang

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